Migration und Arbeitslosigkeit: Beratung in Corona-Zeiten

Ob Arbeit, Aufenthalt, Wohnsituation oder Kinderbetreuung: besonders MigrantInnen sind in der derzeitigen Corona-Situation große Belastungen und Verunsicherungen ausgesetzt. Beratung und Unterstützung in der Kommunikation mit den Behörden eilen.

Knapp 20 % der Tiroler Wohnbevölkerung sind ausländischer Herkunft. Vor der „Corona-Krise“ hatte bereits jede fünfte Arbeitskraft in Tirol eine ausländische Staatsbürgerschaft, allein im Tourismus waren 56% der ArbeitnehmerInnen ausländische StaatsbürgerInnen. Migrantinnen und Migranten arbeiten in Branchen wie dem Tourismus, dem Baugewerbe, der Produktion oder der Landwirtschaft. Für jeden und jede ist die derzeitige Situation rund um die Bedrohung  „Covid 19“ eine besondere Herausforderung: das berufliche und private Leben ist in einem nie erwarteten Ausmaß beschränkt, verändert oder belastet.

Laut aktuellen Daten des AMS Tirol sind von den insgesamt 44.928 arbeitslosen Personen 16.967 Personen MigrantInnen. Das sind um 10.407 Personen oder +158,6 % mehr als im Vergleichsmonat des Vorjahrs.
Anton Kern, Landesgeschäftsführer des AMS Tirol zu den aktuellen Zahlen: „Zum Stichtag 30. April zeigt sich, dass aufgrund der Corona-Pandemie in Tirol weiterhin eine sehr hohe Arbeitslosigkeit vorliegt (44.928 arbeitslos vorgemerkten Personen). Der größte Teil der von Arbeitslosigkeit betroffenen Arbeitskräfte kommt nach wie vor aus dem Dienstleistungsbereich, allen voran aus dem Wirtschaftsabschnitt Beherbergung und Gastronomie mit 20.859 Personen oder +127,3 % sowie dem Handel mit 4.946 Personen oder +105,0 %. Generell herrscht aufgrund der Corona-Krise und den dadurch verursachten Geschäftsschließungen und Ausgangsbeschränkungen nach wie vor hohe Unsicherheit in Bezug auf die wirtschaftlichen Möglichkeiten vor.

Beratung ZeMiT ASTDas Zentrum für MigrantInnen in Tirol (ZeMiT) berät jährlich rund 4000 Klientinnen und Klienten in Fragen rund um Aufenthaltstitel, Integration in den Arbeitsmarkt und Anerkennung von Qualifikationen. Migrantinnen und Migranten im Allgemeinen und unsere KlientInnen im Besonderen sind in der derzeitigen Situation zusätzlichen Belastungen und Verunsicherungen ausgesetzt und mit rechtlichen, existenziellen, beruflichen, privaten und kommunikativen Problemen konfrontiert. Sie sind derzeit besonders von Kündigungen und Kurzarbeit betroffen, wie das Beispiel Tourismus belegt, da allein im Tourismus 56% der ArbeitnehmerInnen ausländische StaatsbürgerInnen sind.

Besonders schwierig ist die Lage der Saisonbeschäftigten, da diese wegen der geschlossenen Gastronomiebetriebe kein Einkommen mehr haben und auch keinen Anspruch auf Arbeitslosengeld oder eine sonstige finanzielle Unterstützung geltend machen können.
Um ein Beispiel unserer Klienten anzuführen: Ein aus Bosnien stammendes Ehepaar arbeitet seit 19 Jahren als Saisonnier in der Gastronomie und hat nun Schwierigkeiten mit der Bezahlung der Wohnungskosten und des Lebensunterhalts. Ihr minderjähriges Kind verfügt über eine Aufenthaltsbewilligung und muss den schulischen Verpflichtungen nachgehen. Wegen der ablaufenden Nachversicherungszeit kommt es dazu, dass sie keine aufrechte Krankenversicherung mehr haben. Und eine Ausreise nach Bosnien ist wegen der Grenzschließungen derzeit nicht möglich.

Anträge und Anfragen können bei vielen Ämtern derzeit nur digital oder telefonisch eingebracht werden. Ein Großteil unserer KlientInnen verfügt weder über die technischen Voraussetzungen noch ausreichende digitale und sprachliche Kenntnisse, um die Behördenwege so zu erledigen. Ebenso ist es derzeit unmöglich notwendige Dokumente für die Antragstellung aus den Herkunftsländern zu besorgen – die Corona-Krise hat in diesen Ländern ihren Höhepunkt noch längst nicht erreicht.  Die Fristen für die Verlängerung von Aufenthaltstiteln sind derzeit für unsere KlientInnen nicht einzuhalten. Ebenso stehen Personen, die die Integrationsvereinbarung fristgerecht erfüllen müssen vor einem großen Problem: die vorbereitenden Deutschkurse finden derzeit nicht statt.
Die Eltern von Neugeborenen stehen vor dem Problem rechtzeitig die Aufenthaltstitel für ihre Nachkommen zu beantragen. Sie müssen innerhalb von bestimmter Zeit bei den Konsulaten ihrer Herkunftsländer die Eintragung ihrer Kinder in das Personenregister veranlassen und die Ausstellung eines Personalausweises oder Reisepasses beantragen, damit sie anschließend in Österreich einen Aufenthaltstitel für ihre Sprösslinge beantragen können. Die Reiseeinschränkungen stellen sie vor große Herausforderungen, weil die Konsulate nicht unbedingt im selben Bundesland wie ihre Wohnsitze sind. Das Ganze hat ein finanzielles Nachspiel: ohne Nachweis des gültigen Aufenthaltstitels können die Eltern weder Kinderbetreuungsgeld noch Familienbeihilfe für das Neugeborene beziehen. Das ist noch eine zusätzliche Belastung für Familien, die ohnehin mit Armut kämpfen.

Im Durchschnitt verfügen Migrantinnen und Migranten aus Drittstatten mit 20 Quadratmetern über deutlich weniger Wohnraum als EU BürgerInnen und ÖsterreicherInnen mit rund 30 Quadratmetern pro Kopf.  90 Prozent der MigrantInnen und Migranten wohnen in Mietwohnungen und nicht im Eigentum, wie das bei rund 70 Prozent der Einheimischen der Fall ist. In der derzeitigen Situation führt das auf Grund von massiven Einbußen beim Einkommen zu schwerwiegenden existenziellen und familiären Problemen. Die schulische Betreuung der Kinder zu Hause ist für viele eine Überforderung, vor allem für jene, die selbst nicht die Schule in Österreich besucht haben und die in vielen Fällen auch nur über geringe digitale Kompetenzen und kaum technische Ausstattung verfügen. Zukunftsängste, Verunsicherung und Verzweiflung sind derzeit bei unseren KlientInnen weit verbreitet. 

"Als Zentrum für MigrantInnen in Tirol fordern wir die zuständigen Behörden auf, die Gefährdung der Aufenthaltstitel durch den Bezug von Sozialleistungen aufzuheben und die Fristen für die Antragstellungen zu verlängern, bzw. durch die Corona Krise bedingte Verzögerungen nicht zu sanktionieren.", bekräftigt Mirjana Stojaković, Geschäftsführerin des ZeMiT seit Januar 2020, Nachfolgerin vom langjährigen GF Dr. Gerhard Hetfleisch. 

Der Unterstützungsbedarf ist derzeit sehr groß: Fragen zum Aufenthalt, zur Arbeit, zur Wohnsituation, zur Kinderbetreuung sind ebenso dringend wie die Hilfestellung bei der digitalen Kommunikation mit Behörden: ein großer Teil unserer KlientInnen verfügt weder über die digitalen Kompetenzen noch die technischen Geräte um diese Herausforderung allein zu bewerkstelligen.

Das ZeMiT kann zur Zeit nur telefonisch beraten.
Die reguläre persönliche Beratung wird am 18. Mai wiederaufgenommen (AST –Anerkennung von ausländischen Qualifikationen), am 19. Mai die sozialpolitische Beratung in Telfs und am 2. Juni die arbeitsmarktpolitische Beratung im Auftrag vom AMS.

Das ZeMIT trifft alle Vorbereitungen dafür: der Aufenthalt mehrerer Personen kann durch kontrollierten Einlass am Eingang und zwingende telefonische Terminvereinbarung ausgeschlossen werden, alle eintretenden Personen sind verpflichtet die Hände zu desinfizieren und einen Mund-Nasen-Schutz zu tragen, ebenso werden alle Beratungsplätze mit einer Plexiglasverkleidung ausgestattet, um alle Personen vor einer Ansteckung zu schützen.